Eishockeytradition im Sauerland

Vom EC Deilinghofen bis zu den Iserlohn Roosters

Trikot-Werbung für Gadafis Grünes Buch untersagt Trikot-Werbung für Gadafis Grünes Buch untersagt
BÜCHERVERBANNUNG Um den Klauen des Konkursverwalters zu entgehen, hatte der Eishockeyclub Iserlohn für seine Trikots einen finanzkräftigen Werbexponsor an Land gezogen. Ein Spiel lang... Trikot-Werbung für Gadafis Grünes Buch untersagt

BÜCHERVERBANNUNG

Um den Klauen des Konkursverwalters zu entgehen, hatte der Eishockeyclub Iserlohn für seine Trikots einen finanzkräftigen Werbexponsor an Land gezogen. Ein Spiel lang wurde in einem bundesdeutschen Stadion „am Mann“ für Muamar al-Gadafis „Grünes Buch“ geworben.

Das war zuviel für die öffentlichen Gemüter.

„Wenn Wüstensöhne Eishockeymannschaften kaufen, ist die Alarmstufe 3 erreicht, ist der Gipfel des politischen Geschmacks überschritten.“ (DSB-Präsident Hans Hansen)
Das mit den „Wüstensöhnen“ ist zwar dem deutschen Volkskörper aus der Seele gesprochen, in der Form allerdings zu undifferenziert:

„Was hat Hansen gegen Wüstensöhne, bzw. warum sollen sie sich ausgerechnet keinen Eishockeyverein kaufen dürfen, wo ihnen doch sonst der gesamte kapitalistisch geordnete Teil der Welt wohlfeil ist?“ („Süddeutsche Zeitung“, 7.12.87)

Gut gegeben! Aber in der eigentlichen Sache keine Differenz:

„Zu seinen Gunsten nehmen wir an, daß Hansen all die ehrenwerten Dattelpflücker, Kameltreiber und Bohrlochbesitzer ausgenommen hat, für nicht legitimiert zum Erwerb einer Eishockeymannschaft lediglich Terroristen oder deren geistig/politische Führer hält. Daß er das auch so artikuliert, hätten wir schon erwartet von einem Bannerträger des bundesdeutschen Sports. Wir haben wieder einmal zuviel verlangt.“ (ebda.)
Ein Glück, daß es Journalisten gibt, die persönliche Invektiven gegen befeindete Staatsmänner in die offizielle Sprachregelung übersetzen, damit die befreundeten dann nicht beleidigt sind! Den strengen Richtlinien für intelligente Sportler genügt Xaver Unsinn, Eishockeybundestrainer:

„Unser Sport darf nicht dazu da sein, kriminelle Elemente des Terrorismus zu unterstützen.“ (Bild am Sonntag, 6.12.87)
Doch was heißt hier „unterstützen“? Ein Iserlohner Fan durchschaut die Zusammenhänge voll:

„Die ganze Welt kauft Öl bei Gadafi, davon kauft er Waffen. Für die 1,5 Millionen, die nach Iserlohn gehen, kann er keine Waffen kaufen. Das ist doch positiv.“ (Zit. nach „Frankfurter Rundschau“, 7.12.)

Eine Antwort darauf blieben die verantwortlich Handelnden schuldig. Auch die noch deutlichere Auskunft, welche Beziehungen zwischen der BRD und Libyen im Unterschied zur öffentlich verordneten Moralsoße laufend unterhalten werden, blieb unbeantwortet.

„Niemand ist entsetzt, wenn unsere Wirtschaft Geschäfte mit Libyen macht.“ (Der abgesetzte ECD-Präsident Weifenbach)
Was soll eigentlich passiert sein, wenn auf der Brust von Leuten, die ein Buch eher selten in die Hand nehmen, vor Leuten, denen es in dieser Hinsicht nicht viel anders geht, für ein Buch Reklame gemacht wird, für das sich auch mit entsprechender Promtion hierzulande niemand interessiert: Z.B. soll es nicht egal sein, von wem man Geld nimmt.

„Wenn es egal ist, woher das Geld kommt, hätte man es gleich bei der Mafia, beim KGB oder bei der RAF besorgen können.“ (SPD-Fraktionsvorsitzender Peter Leye)
Das wäre ja ein Ding! Wofür die wohl werben würden: Sozialer Wohnungsbau in Sizilien; Erdgas aus Sibirien; Bababanküberfall. Da mögen wir doch lieber unsere Bausparkassen, unser Erdgas und unsere Deutschen Banken mit dem grünen Sympathieband. Der ECD Iserlohn hätte sicher auch gerne das Geld für „Die Milch macht’s“ genommen, wenn er es gekriegt hätte; aber ob diese Parole politisch unbedenklich ist, wenn man an den EG-Agrarmarkt denkt?

Die Iserlohner sollen sich einen „eklatanten Verstoß gegen die gebotene politische Neutralität des Sports“ (Zimmermann) geleistet haben. Und Friedrich Zimmermann schwört jeden Eid, wie wir es in der Bundesrepublik mit dem Sport halten:

„Der Sportler darf nicht zum Spielball politischer Interessen werden. Nur wenn dem Spitzensport der Freiraum weltanschaulicher und politischer Neutralität erhalten bleibt, kann er von uns gutgeheißen werden.“ (Zimmermann)
Die Meinung „Deutschland vor!“ darf jeder sogar öffentlich äußern, ohne daß sie für politisch gehalten wird. Manchmal muß auch das Deutsche Olympische Komitee für den nötigen geistigen Freiraum unserer Spitzensportler sorgen und eine Olympiade in der Hauptstadt des Feindes boykottieren. Das ist aber auch nicht politisch, sondern bloß wegen „Afghanistan“.

Da „politisch“ also sowieso nur ist, wenn jemand etwas anderes denkt oder will als die Regierungspartei und ihre Opposition, drängt sich folgende Schlußfolgerung auf: Alle Verantwortlichen sind entschlossen, hier den Anfängen zu wehren. Bei Veranstaltungen, in denen die weitgehend vermummten Aktiven fortlaufend Übergänge vom „notwendigen Foul“ zum Stockschlageinsatz aus Leidenschaft einlegen, soll die Gefahr einer ideologischen Aufheizung vermieden werden. Denn es gibt ja keine Gewähr dafür, daß es bei der Werbung für so liebenswert-harmlose Erkenntnisse wie Gadafis

„Es ist heute wohl unbestritten, daß Mann und Frau menschliche Wesen sind.“ (Das grüne Buch, Seite 92)
bleibt. Was, wenn demnächst der Bundestag für die Parole „Alle Macht geht vom Volke aus“ (Grundgesetz, S. 14) werben läßt oder der Vatikan für seine „Bibel“ ein Team sponsort? In der wird bekanntlich gefordert: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ (Moses, Seite 114).

QUELLE: http://www.gegenstandpunkt.com

 

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